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    22. Juli 2026

    Hotel Ling Bao im Phantasialand: Wie viel Feng-Shui steckt wirklich darin?

    Hotel Ling Bao Eingang
    Hotel Ling Bao Eingang

     

    In Brühl bei Köln steht ein Hotel, von dem an vielen Stellen im Netz zu lesen ist, es sei nach den Regeln des Feng-Shui gebaut worden. Es gehört zum Phantasialand und heißt Ling Bao.

     

    Wo das Phantasialand liegt, weiß ich, ich habe als Jugendliche dort in den Ferien gearbeitet. Meine Frage war banaler: Wie komme ich ins Hotel, ohne durch den ganzen Park zu laufen? Auf der Suche nach der Antwort stolperte ich über den Satz mit dem Feng-Shui.

     

    Ich arbeite als Feng-Shui-Beraterin, und solche Sätze lese ich mit einer gewissen Vorsicht. „Nach Feng-Shui gebaut“ steht auf vielen Websites, und in den allermeisten Fällen heißt es übersetzt: Es steht ein Bambus in der Ecke.

     

    Also bin ich hingefahren und habe mir einen Nachmittag lang angesehen, was davon stimmt.

    Das Ergebnis vorweg: Es steckt deutlich mehr darin, als ich erwartet hatte. Und ein paar Dinge, die nicht dazu passen.

     

    Was sich belegen lässt, und was nicht

    Belegt ist die Entstehung. Das Haus eröffnete 2003 als erstes Hotel an diesem Standort, damals noch unter dem Namen PhantAsia, und für den Bau wurden eigens zahlreiche chinesische Handwerker aus China eingeflogen, was man dem Gebäude bis heute ansieht.

     

    Die Formulierung „nach Feng-Shui erbaut“ findet sich an vielen Stellen, beim regionalen Tourismusverband ebenso wie in den Beschreibungstexten der Buchungsportale, also überall dort, wo Häuser üblicherweise ihre eigenen Texte einspeisen. Auf der aktuellen Seite des Phantasialands selbst habe ich sie nicht gefunden, dort ist von warmen Farben, geheimnisvollen Symbolen und der Harmonie der Elemente die Rede.

     

    Und die Firma, die das Bauprojekt damals betreut hat, beschreibt es in ihrer eigenen Projektübersicht als Hotelgebäude in vier Bauteilen mit L-förmig angeordneten Etagen für rund 500 Betten, dessen Ausbaugewerke sich an die traditionelle Bauweise des asiatischen Kontinents anlehnen, mit einem traditionell chinesisch gestalteten Garten mit Pavillons und Brücken. Von Feng-Shui steht dort kein Wort.

     

    Und was sich nirgends findet, ist der entscheidende Name. Wer das damals geplant hat, taucht in keiner öffentlich zugänglichen Quelle auf. Kein Berater, keine Schule, keine Methode. Der Architekt ist bekannt, ein Feng-Shui-Berater nicht.

     

    Das ist kein Vorwurf, das ist einfach die Quellenlage. Der Betreiber sagt es, der Bauleiter sagt es nicht, und niemand nennt einen Namen. Sie bedeutet allerdings, dass alles, was jetzt folgt, keine Recherche mehr ist, sondern eine Begehung.

     

    Eine Ehrlichkeit vorweg

    Blickachse in den Garten
    Blickachse in den Garten

     

    Ich hatte an diesem Tag keinen LoPan dabei, also keinen der chinesischen Kompasse mit den vielen beschrifteten Ringen, mit denen ich sonst arbeite. Ich besitze mehrere davon, und ich habe sie bewusst zu Hause gelassen, weil so ein Gerät auffällt und ich an diesem Nachmittag schlicht Gast war und nicht Beraterin.

     

    Das heißt für dich als Leserin: Ich kann dir erzählen, was ich gesehen habe, und ich kann dir erzählen, woran ich hängengeblieben bin. Was ich nicht kann, ist eine belastbare Aussage über Sitz und Ausrichtung des Hauses treffen, denn dafür braucht es eine saubere Messung, und die Kompassfunktion eines Handys ist dafür ungefähr so geeignet wie ein Zollstock für eine Grundbuchvermessung.

    Ich sage das so deutlich, weil genau dort die Grenze zwischen einem schönen Nachmittag und einer Beratung verläuft. Und weil mich inzwischen, ehrlich gesagt, brennend interessiert, wie ein paar Dinge dort wirklich ausgerichtet sind.

     

    Yin, Yang und die fünf Elemente

    Zwei Dinge muss man wissen, um dieses Haus zu lesen.

     

    Das eine ist Yin und Yang, also das Wechselspiel von Ruhe und Bewegung, dunkel und hell, geschlossen und offen. Nicht als Gegensatz, sondern als Paar, das sich braucht. Das andere sind die fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, die ineinander übergehen und sich gegenseitig nähren oder schwächen.

     

    Es ist nie nur eines. Es ist immer beides, und zwar in einer Reihenfolge, die man durchläuft. Ein Raum, in dem alles hell und offen ist, ermüdet. Ein Raum, in dem alles dunkel und geschlossen ist, drückt. Die Kunst liegt im Übergang, und Übergänge hat dieses Haus reichlich.

    Wie die Anlage im Gelände sitzt

    Die Landschaftsschule beschreibt mit vier Tieren, wie ein Gebäude im Gelände sitzt: Schildkröte hinten als Rückhalt, Drache und Tiger als Flanken, Phönix vorn als Sammelplatz der Energie. Diese Einteilung ist in allen Feng-Shui-Schulen gleich.

     

    Hier ist sie sauber umgesetzt. Im Rücken das querstehende Gebäude. Die Drachenseite schließt das Gelände zur Straße hin ab, die Tigerseite öffnet sich zum Park. Vorn beim Phönix liegt der Eingang, und der Vorplatz ist großzügig genug, dass Vorfahren und Hineingehen sich nicht in die Quere kommen.

     

    Wovon schirmt sich ein Haus ab, wem wendet es sich zu, was hat es im Rücken, und wo sammelt sich die Energie? Hier stimmt jede der vier Seiten, und das ist bemerkenswert oft genau andersherum gelöst.

     

    Die Ankunft: eine Brücke zwischen zwei Teichen

    Eine Brücke heißt dich willkommen.
    Eine Brücke heißt dich willkommen.

     

    Der Parkplatz war voll, im Parkhaus sind die Stellplätze eng, und wer mit dem Auto kommt, hat erst einmal ein paar Minuten, die eher nach Logistik als nach Ankommen aussehen.

     

    Aber dann kommt die Brücke.

    Zwei Stufen hinauf, neun wieder hinunter, dazwischen ein Rondell, und danach kann die Energie eigentlich nur noch eines, nämlich ins Portal hinein. Links und rechts der Brücke liegt jeweils ein Teich, weiter hinten im Garten liegen weitere.

     

    Kein normales Hotel baut seinen Gästen eine Brücke vor die Tür. Das ist teuer, es ist im Betrieb unpraktisch, und es erfüllt genau einen Zweck: Es macht aus dem Hineingehen einen Übergang. Man kommt nicht einfach an, man tritt ein.

     

    Drinnen fällt der Boden dann leicht ab, nach rechts, wo man hin soll, und nach links in den Laden, wo man auch hin soll. Man bemerkt es nicht. Man folgt nur. Und das ist der Punkt, an dem die meisten Menschen Feng-Shui gründlich missverstehen. Gutes Feng-Shui sieht man nicht. Man spürt es.

     

     

    Was auf den Dächern steht

    Drei Dachtiere zwischen Reiter und Drachenkopf, eine Rangangabe.
    Drei Dachtiere zwischen Reiter und Drachenkopf, eine Rangangabe.

     

    Wenn man wissen will, ob bei einem chinesischen Bau jemand wusste, was er tut, schaut man nach oben. Am Dach war in der Ming- und Qing-Zeit alles geregelt, die Farbe ebenso wie der Schmuck, und zwar in derselben Bauvorschrift.

     

    Fangen wir mit der Farbe an. Das leuchtende Gelb, das in der Sonne golden wirkt, war kaiserlichen Palästen, Grabanlagen und einzelnen staatlich anerkannten Tempeln vorbehalten. Wer es ohne Erlaubnis verwendete, riskierte schwere Strafen, weil es als Angriff auf die kaiserliche Autorität galt.

     

    Darunter kam Grün für die Bauten der kaiserlichen Familie, Blau für religiöse Gebäude, Grau für alles Dienende. Wer sich einer Anlage näherte, konnte am Dach ablesen, welchen Rang ein Gebäude hatte, bevor er ein einziges Zeichen gelesen hatte.

     

    Und jetzt schau, wie das hier verteilt ist.

     

    Golden ist vorn der Eingangsbereich mit der Rezeption. Golden ist hinten die Schildkröte. Grün sind die Bauten rechts und links davon und die gesamte Drachenseite, mit einem kleinen goldenen Akzent auf der Tigerseite. Innen, wo niemand von außen hinsieht, ist es graubraun.

     

    Das ist die Achse. Vorn und hinten, also der Eingang und der Rückhalt, tragen die höchste Farbe. Die Flanken tragen die zweite. Das Dienende trägt gar keine. Wer einfach ein chinesisches Dach wollte, hätte alles golden gemacht, weil golden am schönsten aussieht. Hier hat jemand abgestuft.

     

    Dieselbe Abstufung findet sich in den kleinen Figuren, die an der Traufecke den Grat hinunterlaufen. Angeführt werden sie von einem Unsterblichen auf einem Phönix, abgeschlossen von einem großen gehörnten Tierkopf. Diese beiden gehören immer dazu und zählen nicht mit. Gezählt wird nur, was dazwischen sitzt, und diese Tiere haben eine feste Reihenfolge: Drache, Phönix, Löwe, Himmelspferd, Seepferd und weitere Fabelwesen.

    Ihre Anzahl ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Rangangabe. Sie musste ungerade sein, eins, drei, fünf, sieben oder neun, und sie richtete sich nach dem Rang des Gebäudes. Neun war das Maximum, und nur die Halle der Höchsten Harmonie in der Verbotenen Stadt trägt zehn, was unter allen erhaltenen alten Bauten Chinas einmalig ist. Bei Privathäusern waren diese Figuren gar nicht erlaubt.

     

    Am Bauwerk der Eingangsbrücke sitzen drei. Auf einem Gebäude weiter hinten sitzt jeweils eines.

    Beide Zahlen sind ungerade, also regelkonform. Und wieder trägt der repräsentative Bau vorne mehr als der Bau dahinter. Farbe und Dachtiere stammen aus derselben Vorschrift. Hier kommen also nicht zwei hübsche Details zufällig zusammen, hier wird ein einziges Regelwerk an zwei Stellen sichtbar, und beide Male stimmt es. Das ist kein Zufall, den man versehentlich trifft.

     

    Und dann gibt es auf diesen Dächern noch eine Stelle, die keiner Rangordnung folgt.

    Auf dem First eines der hinteren Gebäude laufen zwei Drachen von links und rechts auf ein rundes Objekt zu, das von goldenen Flammen umgeben ist. Das ist die Flammenperle, eines der bekanntesten Firstmotive chinesischer Tempel- und Palastdächer. Hier ist sie mit einer spiegelnden Oberfläche ausgeführt, weshalb sie aus der Ferne aussieht wie ein kleiner Spiegel. Auf keinem anderen Dach der Anlage sitzt sie.

     

    Ob sie nach außen oder nach innen gewölbt ist, kann ich vom Boden aus nicht sicher sagen. Von unten wirkt sie auf mich gewölbt wie eine Kugel, und das wäre die konvexe Form, die in der klassischen Lehre als die ableitende gilt, also als die, die Ungünstiges zerstreut, statt es zu sammeln. Bei der Wölbung bin ich mir nicht sicher. Bei etwas anderem schon: Das war eine Feng-Shui-Entscheidung und keine Materialfrage.

     

    Was an der Säule steht

    近水遠山皆有情, das nahe Wasser und die fernen Berge, sie alle haben Gefühl.
    近水遠山皆有情, das nahe Wasser und die fernen Berge, sie alle haben Gefühl.

     

    Am Brückenbauwerk stehen zwei rote Säulen mit goldenen Schriftzeichen. Ich habe sie zunächst für hübsche Deko gehalten, was mir hinterher ein bisschen peinlich war.

     

    Auf der linken steht 近水遠山皆有情. Sinngemäß: Das nahe Wasser und die fernen Berge, sie alle haben Gefühl.

     

    Das ist die untere Hälfte der wohl berühmtesten Gartenaufschrift Chinas. Sie steht auf den Steinsäulen des Canglang-Pavillons in Suzhou, des ältesten der klassischen Gärten dort. Das vollständige Paar lautet „Klarer Wind und heller Mond sind unbezahlbar, nahes Wasser und ferne Berge haben alle Gefühl“ und wurde 1827 vom Gelehrten Liang Zhangju zusammengestellt, als er den Pavillon restaurierte. Er kombinierte dafür eine Zeile von Ouyang Xiu mit einer Zeile von Su Shunqin, dem Gründer des Canglang-Pavillons. Der Gedanke dahinter: Wasser und Berge sind an sich gefühllose Dinge, aber im Auge des Betrachters werden sie zu etwas, das empfindet.

     

    Und jetzt schau noch einmal, worüber diese Säule steht. Über einer Brücke, links und rechts flankiert von Teichen. „Nahes Wasser“ ist hier keine Poesie. Es ist eine Ortsangabe.

    Wer nur dekorieren will, hängt eine schöne Zeile auf. Wer die Zeile aussucht, die zum Ort passt, hat den Ort gelesen.

     

    Interessant ist allerdings die zweite Säule, denn dort steht nicht die kanonische Gegenzeile. Sie beginnt mit 林泉, dem klassischen Begriff für den Rückzugsort in der Natur, wörtlich Wald und Quelle, und läuft dann in eine eigene Richtung weiter, in der es um Grün, Reinheit und ein Unsterblichenreich geht.

     

    Das schneidet in beide Richtungen, und deshalb erzähle ich es. Jemand kannte die berühmteste Gartenzeile Chinas und hat sie hier verbaut. Aber jemand hat sie dann nicht mit ihrem angestammten Partner gepaart, sondern eine eigene Gegenzeile gewählt. Ob das Freiheit war oder Halbwissen, kann ich nicht entscheiden.

     

    Im Foyer beginnt der Kreis

    Ein Mondtor, wie man es aus chinesischen Gärten kennt.
    Ein Mondtor, wie man es aus chinesischen Gärten kennt.

     

    Wer die Halle betritt, steht zwischen runden Säulen. Nicht zwischen eckigen Pfeilern mit Kanten, sondern zwischen runden Säulen, und das zieht sich weiter, als man zunächst denkt. Im Boden liegen einige runde Mosaike aus Kieseln, eines vor dem Spa, ein großes draußen im Garten mit einem Drachen darin und etliche weitere, die ich gar nicht alle fotografiert habe. Und der Durchgang zur Bar ist am Ende kein Türrahmen, sondern ein perfekter Kreis, ein Mondtor, wie man es aus chinesischen Gärten kennt.

    Ein einzelner Kreis wäre Dekoration. Ein Kreis, der immer wieder auftaucht, vom Fußboden über die Säulen bis in die Türöffnung, ist eine Handschrift.

     

    Was in der Mitte steht

    In der Achse des Eingangs, mit allen fünf Elementen.
    In der Achse des Eingangs, mit allen fünf Elementen.

     

    Die große Halle ist so geschnitten, dass man beim Hereinkommen die Rezeption links hat und ihr gegenüber den Aufzug, dort, wo die Gäste aus den Zimmern und aus der Tiefgarage ankommen.

    Genau dazwischen, in der Mitte, steht ein Objekt: eine große goldene Schale, darin eine komplette Miniaturlandschaft aus verwitterten Wurzelstöcken, Moos, einem blühenden Baum und kleinen Vögeln in den Ästen. Darüber hängt eine runde, pink beleuchtete Kuppel. Und es steht zugleich in der Achse des Eingangstors. Wer durch das Tor hereinschaut, schaut darauf.

     

    Das ist die Stelle, an der die meisten Gäste denken, da habe jemand etwas Hübsches hingestellt. Dabei ist es umgekehrt. Wo eine Tür geradewegs in einen Raum läuft, schießt die Energie hindurch, statt sich zu verteilen. Was in dieser Achse steht, blockiert nicht, es bremst und verteilt. Und wo zwei Ströme von Menschen aufeinandertreffen, die zur Rezeption und die vom Aufzug, sorgt ein runder Gegenstand in der Mitte dafür, dass sie sich nicht kreuzen, sondern umeinander herumgehen.

     

    Es ist auch nicht irgendein Objekt. Liest man es der Reihe nach, sind alle fünf Elemente vertreten. Wasser unten. Holz im Baum und im Moos. Erde in den Wurzelstöcken, die als Berge gesetzt sind. Metall in der goldenen Schale und in ihrer runden Form. Feuer im Licht darüber.

     

    Fünf Elemente, vollständig, in der Mitte der Halle, an der Stelle, an der alle vorbeikommen. So etwas stellt niemand aus Versehen zusammen. Und die Blüten in diesem Baum sind ebenso wenig zufällig gewählt wie alles andere hier.

     

    Das Zeichen, das fast niemand sieht

    祥, xiáng, glückverheißend. Über dem Weg, den jeder nimmt.
    祥, xiáng, glückverheißend. Über dem Weg, den jeder nimmt.

     

    Es gibt in diesem Hotel einen Durchgang, an dem niemand vorbeikommt. Wer zur Bar will, geht hindurch, wer in den Garten will, geht hindurch. Die Hauptschlagader des Hauses.

    Irgendwann stand ich darin und hatte das Gefühl, ich muss nach oben schauen.

     

    Die Deckenlampe dort ist unscheinbar, nicht hässlich, nur vollkommen unauffällig, und in einem Raum, in dem es wahrhaftig genug zu gucken gibt, ist sie das Letzte, worauf der Blick fällt. Auf dieser Lampe ist von Hand ein Zeichen gemalt: 祥, gesprochen xiáng, was so viel heißt wie glückverheißend. Rechts darin sitzt das Zeichen für Schaf, das im Chinesischen auch im Zeichen für gut steckt, links ein Radikal, das mit Altar und Himmlischem zu tun hat. Übersetzt also ungefähr: das Gute, das vom Himmel zurückkommt.

     

    Es hängt nicht an einer Wand, wo man es anschauen soll. Es hängt über dem Weg, den jeder nimmt.

    Und genau das ist auch Feng-Shui. Nicht das Zeichen allein, nicht der Ort allein, sondern dieses Zeichen an genau diesem Ort. Niemand malt zufällig dieses eine Wort auf genau diese eine Lampe über genau diesem einen Weg.

     

    Dasselbe Zeichen taucht im Haus noch einmal auf, größer und offener. Über dem Dach des Empfangs hängt ein rundes Medaillon, in dem sich ein Phönix und ein Drache gegenüberstehen, dazwischen die Perle, darunter Wellen. Dieses Paar hat einen eigenen Namen, und in diesem Namen steckt wieder 祥. Einmal groß und sichtbar, einmal klein und übersehen. Beides im selben Haus.

     

    Und dann steht dort Literatur an der Wand

    梦仙亭, Pavillon der Traum-Unsterblichen, mit Ouyang Xius Versen an den Säulen.
    梦仙亭, Pavillon der Traum-Unsterblichen, mit Ouyang Xius Versen an den Säulen.

     

    Was mir erst zu Hause auffiel, als ich meine Fotos durchging: In diesem Hotel steht überall Text. Ich habe längst nicht alles fotografiert. Über dem Tor zum Foyer steht 幻想國, Reich der Fantasie, also Phantasialand auf Chinesisch, ins Holz geschnitten.

     

    In einer der Hallen hängt eine Tafel mit der Aufschrift 梦仙亭, Pavillon der Traum-Unsterblichen, und an den beiden blauen Säulen darunter stehen die Schlusszeilen eines Gedichts von Ouyang Xiu, einem Dichter der Song-Zeit, um das Jahr 1050. Sinngemäß sagen sie: Wo die flache Ebene endet, beginnen die Frühlingsberge, und der Wanderer ist noch weiter, jenseits dieser Berge. Es ist eine der berühmtesten Abschiedszeilen der chinesischen Literatur, jemand blickt einem Fortgegangenen nach, bis der Blick nicht mehr reicht.

     

    Und im Garten, halb hinter Bambus und Kiefern verborgen, steht auf einer grauen Säule 上下天光, Himmelslicht oben und unten. Das stammt aus Fan Zhongyans „Aufzeichnung über den Yueyang-Turm“ von 1046, wo es heißt, dass bei mildem Frühling und klarem Licht die Wellen ruhen und Himmel und Wasser zu einem einzigen Licht werden. Es ist zugleich der Name einer der Vierzig Ansichten des Yuanmingyuan, des kaiserlichen Gartens in Peking, wo ein zweistöckiger Pavillon am See genau danach benannt war. 1860 wurde er beim Brand des Yuanmingyuan zerstört.

     

    Das ist der Moment, in dem ich aufgehört habe, dieses Haus für Kulisse zu halten.

     

    Kulisse nimmt hübsche Schriftzeichen. Hier zitiert jemand Suzhou und den Yuanmingyuan. An der Brücke steht die Aufschrift des berühmtesten klassischen Gartens Chinas, im Garten steht der Name einer kaiserlichen Gartenansicht. Das sind nicht zwei zufällige Fundstücke, das ist ein Kanon.

     

    Ich glaube übrigens, dass Worte etwas mit uns machen, auch wenn wir die Sprache nicht verstehen. Das ist meine Überzeugung, und ich verkaufe sie dir hier nicht als Beweis. Was sich dagegen belegen lässt, ist fast das Interessantere: Jemand hat diese Worte ausgesucht. Absicht ist in diesem Haus verbaut.

     

    Ich habe mich in diesem Haus wohlgefühlt. Nicht auf die höfliche Art, sondern richtig. Es hat sich stimmig angefühlt, von der Brücke bis in den Garten, und ich bin an keiner Stelle hängengeblieben.

     

    Im Spa

    Metall und Wasser, deutlich gesetzt.
    Metall und Wasser, deutlich gesetzt.

     

    Mein Termin war hinten im Haus. Man geht durch den Garten dorthin, in den rückwärtigen Teil, und schon dieser Weg ist ein Vergnügen, weil man flanieren kann, ohne irgendwo anzustoßen.

     

    Der Flur am Eingang des Spa ist dunkel, und dann öffnet sich der Raum dahinter, hell und weit und freundlich, wie ein Vorhang, der aufgeht. Der Tresen steht seitlich, man läuft ihm nicht vor den Bauch.

    Aber das Detail, bei dem ich wirklich stehen geblieben bin, ist ein anderes: Hier ist jede Kante mit Holz abgerundet. Keine spitze Ecke zeigt auf einen Menschen.

     

    Im Feng-Shui heißt das Sat Chi, schädliche Energie, die von spitzen Ecken ausgeht, und für viele klingt das zunächst nach Esoterik. Die Hirnforschung kommt allerdings zum selben Ergebnis. Menschen mögen runde Konturen zuverlässig lieber als spitze, und beim Blick auf scharfkantige Alltagsgegenstände ist die Amygdala messbar aktiver als bei denselben Gegenständen mit runden Kanten (Bar & Neta, Neuropsychologia 2007). Die Amygdala ist der Teil des Gehirns, der Gefahr verarbeitet. Für Architektur gibt es das noch einmal eigens: Gerundete Räume werden als schöner bewertet und lösen eher Hingehen aus als Weggehen (Vartanian et al., PNAS 2013).

     

    Zwei Sprachen, ein Befund, und ein Hotel in Brühl, das es einfach gemacht hat.

     

    Im Ruhebereich steht ein Brunnen: zwei Kraniche vor einer aufgehenden Sonne, dahinter eine silbern schimmernde Wand, davor fließendes Wasser. Kraniche stehen in China für Langlebigkeit und Harmonie, aber das ist hier nicht das Eigentliche.

     

    Das Eigentliche ist, dass Metall und Wasser hier deutlich gesetzt sind. Und ich sage ausdrücklich nicht, dass das am Spa liegt. Welches Element wohin gehört, ergibt sich nicht nur aus der Nutzung eines Raumes, sondern aus dem Grundriss und aus der Energie, die an dieser Stelle vorherrscht. Warum es hier Metall und Wasser sein mussten, kann ich ohne Messung nicht sagen. Ich sehe nur, dass jemand diese Entscheidung getroffen hat.

     

    Der Drache, vom Dach bis ins Wasser

    Auf dem Dach ist der Drache Zierrat. Im Teich ist er an seinem Platz.
    Auf dem Dach ist der Drache Zierrat. Im Teich ist er an seinem Platz.

     

    Drachen sind auf diesem Grundstück allgegenwärtig, in den Geländern, in den Schnitzereien, in den Mosaiken, sogar in den kleinen runden Enden der Dachziegel.

     

    Das ist mehr als Folklore. Im Chinesischen klingt das Wort für Drache ähnlich wie das Wort für Gedeihen, weshalb er heute ganz konkret als Zeichen für geschäftlichen Erfolg und Wohlstand gilt. Weil ihm die Herrschaft über Wasser, Feuer, Wind und Donner zugeschrieben wird, steht er traditionell in Verbindung mit Handel und Finanzen. Der Drachentanz zum Neujahrsfest wird ausdrücklich getanzt, um bei den Drachengöttern ein erfolgreiches Geschäftsjahr zu erbitten. Und goldene Drachen gelten besonders als Zeichen für Wohlstand. Die Drachen auf diesen Dächern sind golden.

     

    Die Flammenperle auf dem Dach hast du schon kennengelernt. Aber der Drache steht in diesem Haus noch an vielen weiteren Stellen. Damit läuft das Drache-Perle-Motiv immer wieder durch dieses Haus, auf dem First, im Deckenrelief über dem Treppenaufgang, an der Galerie der Bar, und im Teich im hinteren Garten, wo er aus dem Wasser aufsteigt, eine Kugel unter der Klaue, und zugleich der Springbrunnen ist. Ich habe an mehreren Stellen dasselbe Paar gefunden, Drache und Perle, und ich bin sicher nicht an allen vorbeigekommen.

     

    Das ist mehr als eine Wiederholung. Der Drache ist in der chinesischen Vorstellung ein Wasserwesen, er lebt in Seen und Flüssen und beherrscht den Regen. Auf dem Dach ist er Zierrat. Im Teich ist er an seinem Platz.

     

    Die Glocke

    Eine Tempelglocke mit dem wellenförmigen Rand ostasiatischer Glocken.
    Eine Tempelglocke mit dem wellenförmigen Rand ostasiatischer Glocken.

     

    Zwischen zwei Zimmertrakten, auf der Südseite des Grundstücks, hängt in einem eigens gezimmerten Gerüst eine chinesische Tempelglocke.

     

    Die Bauform stimmt bis ins Detail: die Aufhängung, die Bänder, die erhabenen Noppen, Reliefs fliegender Himmelswesen und vor allem der geschwungene, wellenförmige Rand, der ostasiatische Glocken von europäischen unterscheidet.

     

    In chinesischen Tempeln gehören Glockenturm und Trommelturm zusammen, klassisch die Glocke links im Osten, die Trommel rechts im Westen, nach dem Prinzip „Morgenglocke, Abendtrommel“. Die Glocke wird morgens und abends 108 Mal geschlagen, was für das Auflösen der 108 Arten von Leid steht, und ihr Klang gilt als etwas, das Belastendes auflöst und die Übenden aus geistiger Trägheit weckt. Sie ist der älteste Weckruf der Anlage.

     

    Im Tempel stünde sie im Osten. Hier steht sie im Süden, und sie hängt zwischen Schlafzimmern, was ziemlich sicher heißt, dass sie nicht geschlagen wird. Sie ist hier ein Zeichen, kein Instrument.

     

    Was ich zu sehen glaube, aber nicht behaupte

    Auf der Luftaufnahme wirkt die gesamte Anlage auf mich wie ein liegender Drache, der den Kopf zur Straße legt und die Zunge herausstreckt. Über diese Zunge gehen die Gäste in den Kopf hinein.

     

    Ich schreibe das ausdrücklich als das, was es ist: eine Wahrnehmung, kein Befund. Ich habe keinen Plan gesehen, keine Absichtserklärung, keinen Namen eines Planers. Es kann sein, dass sich das Bild aus der Grundstücksform von selbst ergibt. Auffällig finde ich allerdings, dass ausgerechnet die Drachenseite diejenige ist, die zur Straße hin schließt. Aber ich fand es zu auffällig, um es wegzulassen, und zu unbelegt, um es zu behaupten.

     

    Was hier durchdacht ist und was dazugekommen ist

    Diese Trennung ist der eigentliche Grund für diesen Text, deshalb mache ich sie ausdrücklich.

    Durchdacht ist erstaunlich viel, und zwar auch das Sichtbare. Die geschlossene Straßenfront und die offene Parkseite. Die Brücke zwischen zwei Teichen. Das leichte Gefälle im Foyer. Die seitlich gestellten Tresen. Die durchgehend gebrochenen Kanten im Spa. Die Miniaturlandschaft in der Blickachse. Die Kreise vom Boden bis in die Türöffnung. Metall und Wasser im Ruhebereich. Das Zeichen in der Lampe über dem meistbegangenen Weg. 

    Die Perle auf genau einem Dach. Die Zitate an den Säulen. Und die drei Dachtiere vorne gegen das eine hinten.

    Das ist keine Einrichtung aus dem Katalog. Das ist eine Ausstattung, die jemand ausgesucht und platziert hat.

     

    Und das ist nur ein Ausschnitt. Ich war einen Nachmittag dort, als Gast, ohne LoPan und ohne Grundriss, und habe notiert, was mir mit bloßem Auge aufgefallen ist. In diesem Haus stecken mehr bewusst gesetzte Maßnahmen, als ich an einem Nachmittag sehen konnte. Und deutlich mehr, als in einen Text passen, der noch gelesen werden soll.

     

    Dazugekommen ist offensichtlich später einiges, und das ist in einem Freizeitpark völlig in Ordnung. Der Unterschied ist nur: Was dazukommt, wird gesehen und soll gesehen werden. Was durchdacht ist, wirkt oft gerade deshalb, weil niemand es sieht.

     

    Was nicht passt

    Ein Text, der nur schwärmt, ist kein Text, sondern ein Prospekt. Also auch das.

     

    Eine der Stufen im Eingangsbereich ist kaputt. Fällt kaum auf, aber am Eingang schaue ich nun einmal genau hin.

    Im Bad hängen zwei Spiegel einander gegenüber. Das ist eine der Anordnungen, die ich in Beratungen regelmäßig auflöse, weil sie den Raum unruhig macht und mit der Energie Ping-Pong spielt.

     

    Im hinteren Barbereich gibt es dann doch spitze Ecken, und hier werde ich vorsichtig, weil ich es nicht beweisen kann: Die gerundeten und vertäfelten Ecken wirken auf mich wie das Original, die spitzen sehen aus, als wären sie später dazugekommen. Sicher ist das nicht. Aber es passt zu dem, was ich in Häusern immer wieder sehe. Der erste Entwurf war durchdacht, und dann kam der Alltag.

     

    Und über der chinesischen Tempelglocke hängen tibetische Gebetsfahnen, also eine ganz andere Tradition. Kein Drama, aber eben Themenpark.

     

    Also, steckt Feng-Shui drin?

    Meine Antwort ist ja, und zwar deutlich mehr als bei den meisten Häusern, die dieses Wort auf ihre Website schreiben. Die Rangordnung der Dachfarben, die Abstufung der Dachtiere, die Platzierung der Inschriften, das Zeichen in der Lampe, die Flammenperle auf genau einem Dach, und ein Grundriss, der alle vier Seiten der Landschaftsschule sauber setzt. Das ist kein Zufall und kein Katalog. Da hat jemand gewusst, was er tut.

    Was ich nicht beantworten kann: welche Methode, welche Schule, welcher Berater. Und ohne LoPan und Grundriss kann ich dir nicht sagen, ob Sitz und Ausrichtung stimmen. Das wäre der Unterschied zwischen einem schönen Nachmittag und einer echten Beratung. Vielleicht fahre ich noch einmal hin, diesmal mit dem Kompass.

     

    Was Unternehmen daraus mitnehmen können

    Dieses Hotel macht drei Dinge, die jedes Unternehmen kopieren kann, ganz ohne chinesische Handwerker.

    Es entscheidet bewusst, wohin es sich öffnet und wovon es sich abwendet. Es macht aus dem Betreten einen Übergang statt eines Vorgangs. Und es platziert das Wichtigste dort, wo alle vorbeikommen, nicht dort, wo es gut aussieht.

     

    Übersetzt in ein Büro heißt das: Wohin schaut der Empfang? Was passiert in den ersten fünf Metern? Und was hängt eigentlich über dem Flur, durch den jeden Tag jeder geht?

     

    Zum Ausprobieren, dauert drei Minuten

    Setz dich an den Platz, an dem du am meisten sitzt, im Büro oder zu Hause, und schau dich langsam um. Welche Kante zeigt auf dich? Die Schrankecke, der Regalvorsprung, die Tischkante von schräg gegenüber. Du musst nichts umbauen, es reicht, eine einzige davon zu entschärfen, den Stuhl ein Stück zu drehen, eine Pflanze davorzustellen oder den Platz zu wechseln. Und dann beobachte dich eine Woche lang. Deine Amygdala tut es ohnehin.

     

    Und jetzt?

    Ich bin an diesem Nachmittag durch ein Haus gegangen, das an Hunderten von Menschen arbeitet, ohne dass einer davon etwas merkt.

     

    Genau das macht dein Zuhause auch, und dein Büro. Nur eben ungeplant. Ich lese Menschen durch ihre Räume. Wenn du magst, schauen wir gemeinsam auf deine.

     

    Ich war in einem Haus, das weiß, wie man empfängt. Übernachtet habe ich dort übrigens noch nie. Das steht noch aus, und ich bin neugierig, wie sich dieses Haus anfühlt, wenn man morgens darin aufwacht.

     


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